24.05.2021

Dengmerder Glasmachergeschichte(n)

Die Lautzentalglashütte

Als Adolf Wagner im Jahr 1889 die Lautzenthaler Glashütte als Aktien­ge­sell­schaft gründete, gab es in St. Ingbert bereits drei Glashütten:

Die Vopelius-Hütte, die Aktienglashütte, bei uns Buddelhütte genannt, weil sie Flaschen herstellte  (Dudweilerstraße) und die Mariannenthaler Hütte in Schnappach.

Am 24. Januar 1890 wurde in der Tageszeitung unter der Rubrik „Lokale und pfälzische Nachrichten“ folgendes bekannt gemacht: „Die Lautzenthal-Glas­hütte St. Ingbert ist nunmehr in das Gesellschaftsregister des Handelsgerichts ein­getragen. Als Gründer erscheinen die Herren Ad. Wagner, Fabrikant, J. J. Heinrich, Bürgermeister, Frdr. Steinfeld, Kaufmann, Otto Weigand, Kaufmann, diese alle in St. Ingbert; ferner Osk. Contzen, Apotheker in Neunkirchen (Rhein­preußen) und Hugo Sandkuhl, Kaufmann in St. Johann a. d. S. Direktor ist Herr Ad. Wagner.“

1908 wurde aus der Aktiengesellschaft eine G.m.b.H, die allein der Familie Adolf Wagner gehörte.

Gegründet worden war die Glashütte 1889  mit einer Belegschaft von 200 Mann.  Ein Jahr später war man so weit, dass die erste Walze geblasen werden konnte. Nach Anfangsschwierigkeiten verbesserte sich die Qualität des Glases. Bald hatte man einen großen Kundenstamm. Mit der Nachfrage nach dem Laut­zen­taler Fensterglas  stieg die Zahl der Beschäftigten und deren Be­dürf­nisse. Eine betriebseigene Kranken- und Pensionskasse wurde ins Leben gerufen, die von den Arbeitern  und Beamten erfreut angenommen wurde. 

Dieser sehr alte Stich zeigt die Lautzentalglashütte kurz nach ihrer Gründung im Jahr 1889. Die größte Halle ist nach mehreren Umbauarbeiten über die verschiedene Nutzung im Lauf der Jahrzehnte hinweg, immer noch gut zu erkennen.

 

Die Lautzentalglashütte in St. Ingbert und

die Mariannenthaler Hütte in Schnappach

 

Eng verknüpft ist die Geschichte der St.Ingberter Lautzentalglashütte mit der Mariannenthaler Hütte in Schnappach. 1784 wurde diese Glashütte von der Gräfin Marianne von der Leyen aus Blieskastel gegründet. Die Kunst des Glas­machens kam aus Lothringen zu uns herüber und war ein Handwerk, das erlernt werden musste. Einen Lehrling nannte man „Gami“ – angelehnt an das französische „gomin“ (Lausbub). Die Mariannenthaler Hütte war bekannt für ihre Glasmalereien und geätzten Gläser.

1884 feierte die Mariannenthaler-Glashütte in Schnappach stolz ihr 100jähriges Bestehen. Dabei entstand diese Aufnahme mit der Belegschaft.

Im Hintergrund das Werk.   (foto: privat)

Im Ersten Weltkrieg (1916) wurde die Mariannenthaler Hütte von den Erben Adolf Wagners aufgekauft, der im Jahr 1900 verstorben war. (1908 war aus der Aktiengesellschaft der Lautzentalglashütte eine G.m.b.H. geworden – die Gesellschafter waren Familienmitglieder.)

Die komplette Arbeiterschaft der Mariannenthaler Hütte wurde bei der Fusion 1916 übernommen, womit sich die Belegschaft verdoppelte. Trotz des Krieges erweiterte man die Produktionsanlagen auf dem Gelände im Lautzental. Die Mariannenthaler Hütte in Schnappach hatte wegen gefährlicher Gruben­sen­kun­gen stillgelegt werden müssen – aus dem gleichen Grund wie dort  bereits 1913 die alte Fensterglashütte von Chevandrier und Vopelius.

 

 

Die Lautzentalglashütte expandiert

 

Der ständig steigende Arbeiterstamm der Lautzentalglashütte und der Zustrom der Glasmacher von außerhalb hatte schon in den Anfangszeiten Wohnungen gefordert. Diesem Bedarf kam Adolf Wagner, Mitbegründer der Lautzen­tal­glashütte, nach und stellte werkseigene Wohnungen zur Verfügung. Er ließ unter anderem die  „Kolonie-Häuser“ in der heutigen Glashütterstraße in St.Ingbert, besser bekannt als „Spatzegass“, (von dem Begriff „Glasspatzen“) errichten. Ihm zu Ehren hieß die Straße ursprünglich Adolf-Straße, was der Militärregierung nach dem Zweiten Weltkrieg aber nicht geheuer war, so dass man sie kurzfristig in Adolf-Wagner-Straße umbenannte und sie schließlich 1949 ihren heutigen Namen erhielt.  Das obere Stockwerk und die Giebel der Häuser in der „Spatzegass“ sind mit Schiefer verkleidet und bis heute fast alle in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten, einschließlich der ehemaligen kleinen Ställe zum Garten hin.

Die Arbeiterhäuser der Lautzentalglashütte in der Glashütterstraße sind unter dem Namen „Spatzegass“ (von den Glasspatzen) den St. Ingbertern bekannt.

 (foto: wiese)

Nicht zu verwechseln sind die großen acht Doppelhäuser der „Kolonie“ in der „Spatzegass“ mit den später gebauten Häusern der Vopelius-Wentzelschen Glashütte auf der „Neuen Kolonie“, in der Wilhelm-Wentzelstraße und Karl-Vopelius-Straße. Insgesamt 123 Werkswohnungen mit Gärten für den Gemüseanbau oder einem Stückchen „Kartoffelland“ stellte die Lautzen­tal­glas­hütte ihren Arbeitern und Angestellten zur Verfügung.

 

Bis 1927 war das Glasmachen auf der Lautzentalglashütte reine Handarbeit. Das Glas wurde zu Walzen geblasen, die anschließend in Strecköfen erwärmt und der Länge nach aufgeschnitten, gewalzt und auf Maß gebracht wurden. Das war ein zeitaufwändiges und lohnintensives Verfahren. Um kon­kur­renzfähig zu bleiben, wurde am 15. Januar 1927 die letzte Walze geblasen, dann stand der Betrieb für den Umbau still. Bis zum Oktober dauerte die Umstellung auf das maschinelle Ziehverfahren nach Fourcault. Der Erfolg kam prompt: Mit einer so gesteigerten Produktion war die Lautzentalglashütte eine der führenden in ganz Deutschland. Man produzierte jährlich 1.330.000 qm Tafelglas. Die Vopelius-Wentzel-Hütte hatte bereits ein Jahr zuvor auf dieses Verfahren umgestellt. Damit wurde St.Ingbert zum Mittelpunkt der süd­west­deutschen Glasindustrie.

Glasmacher mit Glaswalzen vor der Weiterverarbeitung zu Flachglas.

(foto: stadtarchiv/kirschmann)

 

Dann kam die große Krise

Die große Weltwirtschaftskrise ging allerdings auch an der Lautzen­tal­glas­hütte nicht vorbei. – 1932 wurde sie von Vopelius-Wentzel aufgekauft und still­ge­legt. Während die leitenden Angestellten der Lautzen­tal­glas­hütte  „ihre“ Werks­häuser erwarben, gingen die Arbeiterhäuser in den Besitz der Vopelius-Wentzel-Glashütte über, so dass weiterhin dort „Glas­spatzen“ wohnten –  wie auch in der „Spatzegass“. Heute sind die ge­schichts­träch­tigen Häuser in Privathand.

Doch auch die Vopelius-Wentzelsche Glashütte gibt es nicht mehr. Sie schloss 1975. Die Gebäude wurden abgerissen, das Gerippe der Streckhalle wurde zu einem Baumarkt ausgebaut, der bis heute existiert.

 

Eine Fürbitte kurz vor dem Aus der Lautzentalglashütte

 

In einem Schreiben vom 12. Oktober 1931 an die Regierungskommission des Saargebietes setzt sich der damalige St. Ingberter Bürgermeister Dr. Norbert Schier für die seit März stillliegende Lautzentalglashütte ein. Von den 282 Ar­beitern und 29 Angestellten beziehen zu diesem Zeitpunkt die meisten eine Er­werbs­losenunterstützung. Nur ein geringer Bruchteil der ehemaligen Be­leg­schaft konnte anderweitig unterkommen. Das Problem waren Absatz­schwie­rig­keiten. Von den 180.000 qm Fensterglas, die man imstande war, monatlich zu produzieren, konnten lediglich – abhängig von der Zuteilung durch das deut­sche Glassyndikat – 50.000 qm abgesetzt werden. Zur Wiederaufnahme der Produktion, die im Oktober geplant war, so geht aus dem Schreiben hervor, wäre ein größerer Betriebskredit nötig gewesen. Das vorhandene und das ge­währte Kapital hätten lediglich für einen Monat gereicht. Bei geeigneter Hilfe fänden 250 Arbeiter und 24 Angestellte sofort wieder eine Beschäftigung. Dies würde wenigsten am Platze zu einer Besserung der allgemeinen wirt­schaft­lichen Verhältnisse führen, gibt der Bürgermeister zu bedenken.

 

Die Lautzentalglashütte besaß in Homburg ein Sägewerk, die Ligna-Werke GmbH. Hier wurden die für die Lagerung und den Transport erforderlichen Glaskasten und Holzgestelle angefertigt. Vor der Stilllegung der Glashütte waren dort 135 Menschen in Brot und Arbeit.

„Es sei erwähnt, dass die Lautzentalglashütte in St.Ingbert eines der ältesten Unternehmen ist, das für die Stadt von großer Bedeutung war und ist. Wie schwer die Stadt von der Schließung der Hütte betroffen würde, mag auch daraus ersichtlich sein, daß in werkseigenen Wohnungen rund 120 Ar­bei­ter­familien untergebracht sind. Wenn die Lautzental-GmbH diesen Mietern, die größtenteils keine Miete mehr bezahlen, die Wohnungen kündigen würde, käme die Stadt in die allergrößten Schwierigkeiten. Die entstehenden Lasten wären bei der angespannten Finanzlage der Stadt nicht tragbar.“

Damit schließt Dr. Schier seine Fürbitte.

 

Text: Norbert + Ulla Wiese in ingoBerta,“ St. Ingberter Blätter",

  Ausgabe 38, Herbst 2008 + Ausgabe 39, Winter 2008  ©  wiese

           

 

Das historische Gelände und die Gebäude, in denen mehr als 40 Jahre lang eine der leistungsstärksten deutschen Glashütten in Handarbeit Fensterglas produzierte, haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich.

Was aus den alten Werkshallen wurde und wo der Gründer der Lautzen­talglashütte, Adolf Wagner, einst wohnte sowie noch weitere „Glasgeschichte(n)“ erzählt Ihnen ingoBerta demnächst auf diesen Internetseiten der Heimatfreunde Oberwürzbach. Bis dann!

Eure ingoBerta